Jean-Claude Trichet über die aktuelle Lage der Weltwirtschaft und Finanzmarktstabilität

Am vorletzten Tag des Europäischen Forum Alpbach durften wir ein weiteres Highlight des Forums erleben und gemeinsam mit dem Club Alpbach Tirol ein Kamingespräch mit dem ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, veranstalten. Unsere Stipendiatin Demelza Hays führte die Moderation und leitete das Gespräch mit einer Frage zur Einschätzung der aktuellen ökonomischen Situation der Weltwirtschaft ein. Herr Trichet zeigte sich nicht begeistert von den Wachstumsaussichten in Europa, räumte jedoch ein, dass aktuell eher eine Rezession in den USA als in Europa wahrscheinlich ist, da der europäische Wirtschaftszyklus dem amerikanischen hinterherhinkt. Wann eine Rezession genau eintreffe, konnte auch der ehemalige Zentralbanker nicht vorhersagen, jedoch bekräftigte er, dass Wachstumsphasen nicht unendlich dauern und Rezessionen unausweichlich sind. Den Bankensektor sieht er durch die Regulierungen der letzten Jahre im Krisenfall besser aufgestellt als noch vor zehn Jahren – andere Finanzmarktteilnehmer, die nicht im selben Ausmass wie Banken von der Regulierungswelle nach der Finanzkrise von 2009 betroffen waren (z. B. Versicherungen), könnten jedoch weiterhin ein Risiko für die Finanzmarktstabilität darstellen.

Der Anstieg der weltweiten privaten und öffentlichen Schulden bereitet dem französischen Finanzexperten Sorgen. Besonders durch die niedrigen Zinsen haben sich öffentliche Haushalte weiter verschuldet und können somit dringend notwendige Reformen hinauszögern, unter der Annahme, dass das Zinsniveau langfristig auf dem aktuellen niedrigen Niveau bleibt. Herr Trichet widerspricht jedoch dieser Annahme und ist überzeugt von einem strukturellen Wandel, der mit (zumindest langsam) steigenden Leitzinsen einhergeht. Dies wird einige Volkswirtschaften dieser Welt vor grosse Herausforderungen stellen. In diesem Zusammenhang lobte er die Schweiz als vorbildliches Land für Wirtschafts- und Geldpolitik, auch wenn die Bilanzsumme der Schweizer Nationalbank für manche Beobachter besorgniserregend angestiegen ist.

Schlussendlich wurden auch noch die Auswirkungen des Brexit, der Quantitative Easing Geldpolitik und die Problematik der niedrigen Leitzinsen diskutiert. Jean-Claude Trichet beendete den spannenden Kamingespräch mit einem Aufruf an die europäischen Sozialpartner, dass weitere Lohnerhöhungen in westeuropäischen Staaten mit geringem Wirtschaftswachstum (z. B. Frankreich oder Italien) deren internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter verschlechtern würden und somit mittelfristig eine Gefahr für die wirtschaftliche Stabilität der Eurozone darstellen könnten.

Michael Weiser, Stipendiat 2019

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